Freiheit und die Qual der Wahl

Der erste Tag in New York begann, wie es sich für Amerika gehört: Mit Freiheit. Da die Stellprobe für das Konzert erst am Nachmittag begann, durften die Chormitglieder ihre Zeit bis dahin flexibel gestalten. Sie hatten die Freiheit auszuschlafen – oder dank Jetlag ab kurz vor 6 Uhr wach zu sein und aufgedreht durch Zimmer und Hostel zu tigern. Sie hatten beim Frühstück die Freiheit zwischen diversen Eiersandwiches oder einem Pancake (die fluffigen amerikanischen Eierkuchen) zu wählen. Sie hatten die Wahl zwischen Kaffe und Tee – aber nicht zwischen verschiedenen Teesorten. Schließlich soll niemand durch zu viel Wahlfreiheit überfordert werden. Spätestens beim Mittagessen wurde dieses Problem aber zur Realität. So viele Essensstände aus aller Herren Länder. Und nur bei der Hälfte der Speisen ahnt man zumindest, was sich dahinter verbirgt. Da ringen Neugier und Mut bei der Bestellung miteinander. Wagt man es Bureka auszuprobieren, obwohl man nur sieht, dass es irgendetwas mit Blätterteig zu tun hat? Oder bleibt man doch beim klassischen Hot Dog, solide, aber auch etwas langweilig? Das musste jedes Chormitglied für sich selbst entscheiden. Und für Fehlgriffe gilt letztendlich immer noch die alte Regel: Der Hunger treibt’s rein…

Aber natürlich wurde die Zeit nicht nur mit Essen verbracht. Auch anderen Herausforderungen wurde sich gestellt. Wer sich für die Erkundung der näheren Umgebung entschied, durfte in Brooklyn Orientierungssinn unter Beweis stellen. Der von den Niederländern gegründete Stadtteil folgt nicht dem Schachbrettmuster paralleler Straßen und Avenues, für das Manhattan so bekannt ist. Und im Gegensatz zu Manhattan, wo die Preise häufig Abschreckung genug sind, locken hier kleine Läden verschiedenster Art – sei es mit Nippes, Nagellack oder Naschwerk – die die Impulskontrolle auf eine harte Probe stellen.

Wer hingegen mit der U-Bahn nach Manhattan reinfuhr, musste zuerst die Ticketautomaten der MTA überwinden, die ihre ganz eigene Persönlichkeit hatten, sobald man sie denn fand. Da man nur Einzeltickets ziehen kann, darf man bei Gruppenreisen Geduld und innere Ruhe unter Beweis stellen. Außerdem ist es vom Stand des Mondes und Jupiter relativ zur Erde abhängig zu sein, ob man passend zahlen muss oder nicht. Und nur weil Geldscheine gleich aussehen, heißt es noch lange nicht, dass sie vom Automaten auch gleich behandelt werden. Schon Orwell wusste: Alle Geldscheine sind gleich, aber manche sind gleicher als andere – und werden dementsprechend bevorzugt.

Doch letztendlich wurden all die Mühen belohnt: Ein neues Lieblingsgebäck, ein toller Park, ein grandioser Blick auf Skyline und Wolkenkratzer oder ein aktives Filmset. Und nachdem man sich somit etwas mit seinem neuen Aufenthaltsort vertraut gemacht hatte, ging es zurück zum eigentlichen Grund für diese Reise: Dem Singen. Diesbezüglich muss man zugeben – der Psychochor wird von seinem Publikum verwöhnt. Dank vieler treuer Fans in Jena und Umgebung (und teils darüber hinaus) darf man vor vollen Hallen auftreten. Leere Plätze? Fehlanzeige. Doch so toll die Fans auch sein mögen – dass sie einem in die USA folgen ist möglicherweise von den meisten doch etwas viel verlangt. Also alles zurück auf Anfang. Hier ist ein junger  studentischer Chor, mit einem komischen Namen, den keiner kennt. Die Akustik war top, die Beleuchtung toll, das Technikteam nett und der Chor motiviert. Wenn man damit allerdings gegen den wenige Meilen entfernten Broadway antritt… nun ja, dann nutzen auch Musikliebhaber ihre Wahlfreiheit. Allerdings bekommen die anwesenden Zuhörer dafürdie Möglichkeit, den Chor in einer etwas privateren Atmosphäre als gewöhnlich kennen zu lernen. Zu der Geselligkeit zwischen Chor und Publikum mag auch das anschließend von der Kirche ausgeschenkte Freibier beigetragen haben… Und wenn die Anonymität schwindet, bleibt Platz für Emotionen – 100 % des Publikums waren am Ende zu Tränen gerührt. Am Ende des Konzertes wohlgemerkt. Wie auf das Ende des Freibieres reagiert wurde, ist unbekannt.

Wir danken unseren Sponsoren, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dem Freistaat Thüringen, dem Studierendenwerk Thüringen, XCEPTANCE, ZEISS, GW und maßalsky für ihre Unterstützung dieser Reise.

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