Schneeflöckchen Weißröckchen: Der 5. Reiter der Apokalypse

Frühlingsanfang in New York: Dicke Schneeflocken werden vom Wind durch die Luft gewirbelt und lassen die Spitzen der Wolkenkratzer hinter einem milchigen Schleier verschwinden. Schneefräsen bahnen sich auf den Gehwegen ihren Pfad, eine Sisyphusaufgabe, solange das Schneetreiben noch kein Ende gefunden hat. Auf den Straßen kriechen Busse und Autos langsam vorwärts – zumindest dort ist also alles wie immer. Schon am Abend vorher wurde verkündet, dass der Unterricht in den Schulen ausfällt, doch der Psycho-Chor kennt kein schneefrei!

Schon am Vormittag trotzen viele den Elementen, um jedes bisschen Freizeit für die Erkundung der Millionenstadt zu nutzen. Bei Gegenwind erhalten die fluffig aussehenden Flocken allerdings eine schneidende Qualität – und natürlich kommt aus jeder Richtung Gegenwind. Allerdings kommt es einem nicht so vor, als sei dies der angekündigte Schneesturm, wegen dem man Schulen schließen müsste. Es schneit, es ist windig… aber vor 1 Woche hätte man das noch mit dem Satz „Ist eben Winter.“ abgetan. Vielleicht kommt das dicke Ende erst noch?

Vorerst lässt man die Gedanken an möglicherweise übervorsichtige New Yorker ziehen und strömt aus allen Himmelsrichtung im Grand Central Terminal zusammen. Auch das Stativ ist mit dabei. Es hat das 3. Konzert ohne zusätzliche Schäden überstanden, ist dafür aber inzwischen polizeilich auffällig geworden. Beim Versuch es für eine ordentliche Aufnahme des Terminals zu verwenden, wurde es sofort zum Abbau gezwungen. Wer weiß, welch gefährliche Dinge man außer einer Kamera darauf hätte ablegen können.. Überraschungseier! Lebensmittel aus Europa!! Beweise für den Klimawandel!!! Durch die schnelle Reaktion des dortigen Sicherheitspersonals wurde es wieder in seine Tasche gesperrt, bevor es ernsthaftes Unheil anrichten konnte.

Gemeinsam mit verpacktem Stativ, aber ohne Terminalfoto, zieht die Karawane weiter in Richtung des Hauptquartieres der Vereinten Nationen. Mosernde Stimmen werden laut: Das Wetter ist doof. Mir ist kalt. Meine Schuhe sind undicht. Letzteres ist vor allem deshalb problematisch, weil New Yorker Gullydeckel scheinbar gerne am höchsten Punkt der Straße gebaut werden. Am niedrigsten Punkt der Straße befinden sich dann die Fußgängerüberwege. Das führt zu dem schönen Effekt, dass der angeschmolzene Schneematsch die Gullydeckel nicht so nass macht und Fußgänger die Wahl haben zwischen Schwimmen und Weitsprung, um die Straße zu überqueren. Möglicherweise soll dieser Zwang zu mehr Sport die Adipositasrate senken. Aktuell führt er eher zu nassen und kalten Füßen. Aber als Chor weiß man auch damit umzugehen: Man singt Lieder von frierenden Pinguinen und Jingle Bells, während man vor der UN auf Einlass wartet und tänzelt dazu von einem Fuß auf den anderen, um beide halbwegs warm zu halten.

Und der Psycho-Chor hat gegenüber den normalen Besuchern zudem einen Vorteil: Er darf große Rucksäcken und ähnliches mit ins Gebäude bringen. Manch Glückspilz hat, auf Grund des geplanten Konzertes, trockene Schuhe oder ein zweites Paar Socken dabei. Wenn die Füße wie nasse Eisklötze an den Beinen hängen, dann wird einem die Weisheit von Albus Dumbledores Satz bewusst: „Man kann nie genug Socken haben.“ Vor allem, wenn sie weich und flauschig sind… Für alle anderen gibt es in den Toilettenräume einige Händetrockner, die auch Socken und Schuhe klaglos föhnen. Ein Mitglied kommt allerdings nicht durch die Sicherheitsschleuse und muss dem Konzert leider fernbleiben: Das Stativ. Tragischerweise wurde ihm auch von den UN-Sicherheitspersonal kriminelle Energie unterstellt, so dass es am Eingang verbleibt und einsam auf die Rückkehr des Chores wartet.

Allerdings stellt sich schnell heraus, wer der wahre Diktator von New York ist: Keine Sicherheitsbeamten, kein schnödes Geld, sondern Schnee. Geplant war, dass der Chor von 14 bist 15 Uhr singt, während die Komissionsmitglieder Mittagspause machen. In deutscher Naivität wurde angenommen, dass dies auch trotz winterlicher Verhältnisse so bleibe. Wie konnte man vergessen, dass wir in einem Land sind, in dem alles und jeder verklagt wird – und die Kläger teils auch Verfahren gewinnen, bei denen der gesunde Menschenverstand genervt die Augen verdreht. Die übliche Reaktion auf Schnee in New York ist also folgende: „AAAAAH! Schließt sofort alle Geschäfte, klappt die Bürgersteige hoch, bevor jemand darauf ausrutscht und uns deshalb verklagt! Die apokalyptischen Richter nahen!“ Eine Kakophonie zuschlagender Türen und rasselnder Sicherheitsketten erklingt. Stille.

Ab 13 Uhr ist also schneefrei bei der UN, die offizielle Mittagspause entfällt. Um ehrlich zu sein: Es wird befürchtet, dass möglicherweise nur 20 Zuhörer stehen bleiben (Sitzplätze gibt es keine). Doch nicht nur der Schnee wird unterschätzt, sondern auch die Sogkraft von Musik. Ein Vielfaches der befürchteten Anzahl bleibt stehen, wippt im Takt, zückt Smartphones und Kameras, um das Erlebnis festzuhalten. Sogar einige Stative werden aufgestellt (anscheinend wirkt nur das Psycho-Chor-Stativ kriminiell, andere können die Sicherheitsschleuse passieren). Kurz und gut: Das Konzert wird ein Erfolg auf voller Linie. Und solch ein Erfolg öffnet Türen – zum Beispiel die zum Sitzungssaal der UN-Generalversammlung, der im Anschluss besichtigt werden darf. Wäre auch als potentieller Konzertort interessant, die Akustik ist auf jeden Fall nett. Dazu ein paar Banner an der Wand mit dem Psycho-Chor-Logo… das könnte ganz hübsch werden.

Doch bevor man die friedliche Übernahme der Weltherrschaft mit der Macht der Musik plant, steht erstmal ein weiteres Konzert auf dem Plan. Das fünfte Psycho-Chor-Konzert war in der Church of our Lady of Victory geplant. Aber, man hätte es ahnen können, unser alter Feind der Schnee meldet sich zurück. Das Konzert wird seitens der Kirche abgesagt. Vermutlich, da der öffentliche Nahverkehr dazu rät, nur „nötige“ Wege auf sich zu nehmen. Schnee steht hier anscheinend nur eine Stufe unterhalb der Apokalypse. „The day after tomorrow“ ist möglicherweise gar kein Katastrophenfilm über eine fiktive neue Eiszeit, sondern ein real befürchtetes Szenario, das in den Köpfen der New Yorker anspringt sobald Schnee fällt. Man lernt nie aus.

Doch das heißt nicht, dass der Chor einfach brav wieder zurück ins Hostel fährt. Man lässt sich vom Nahverkehr doch nicht sagen, was man zu tun und zu lassen hat! Das sagt sich besonders leicht, da das U-Bahn-System noch problemlos funktionierte, trotz Warnungen. Also macht man sich auf, die Stadt zu erkunden. Aber auch hier zeigt sich, dass das Wetter Chef ist. Läden: Wegen Schnee geschlossen. Restaurants: Wegen Schnee geschlossen. Banken: Wegen Schnee geschlossen. Vermutlich befürchten jede Bank, dass jemand mit nassen Schuhen hereinkommt, ausrutscht, mit dem Kopf an den Geldautomaten prallt und dann die Bank verklagt, weil sie ihre Geldautomaten nicht genug polstert. Nach einigem Fluchen übers Wetter im Allgemeinen und die New Yorker Reaktionen im Besonderen hat man aber doch noch mutige Läden gefunden, die ihre Türen öffnen. Vermutlich werden sie von Kanadiern betrieben.

Der Schnee folgt dem Chor sogar bis ins YMCA. Auf Grund des Wetters ist der Sportbereich geschlossen. Und das Schwimmbecken. Und zwar nicht nur für die öffentlichen Kurse, sondern für alles. Weil Schnee und Wind auf der Straße es unmöglich machen, innerhalb des Hostels zu schwimmen. Oder aufs Laufband zu gehen. Schnee in New York beschreibt Obelix noch am besten: Die spinnen, die Amerikaner…

Wir danken unseren Sponsoren, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dem Freistaat Thüringen, dem Studierendenwerk Thüringen, XCEPTANCE, ZEISS, GW und maßalsky für ihre Unterstützung dieser Reise, die uns die Augen für all die kleinen Eigenarten öffnet, die New York so bietet.

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