Manhattan ist ein Dorf

Es ist vorbei. Der Schneesturm hat ein Ende gefunden, Frühblüher kämpfen sich ihren Weg durch den Schnee ins Licht und der Alltag kehrt zurück nach New York. Der Psycho-Chor feiert das vorzeitige Ende der Apokalypse mit einem freien Tag. Nach 5 geplanten Konzerten – von denen immerhin 4 stattgefunden haben – brauchen die Stimmen einen Tag Erholung. Man möchte bei der ersten Total Vocal Probe am Freitag ja nicht krächzen wie ein Rabe. Zumindest nicht unfreiwillig (wer weiß schon, welche akustischen Einlagen für gewisse Lieder noch erforderlich sein werden).

Aber was tut man, wenn man plötzlich nicht mehr von Konzert zu Konzert hetzt? Wenn ganz New York einem offen steht, weil der Schnee nur noch unschuldig, ungefährlich und faul am Boden rumliegt? Ganz einfach: Man macht sich daran all jene feinen Kulturunterschiede zu entdecken, auf die man vorher nicht kommen würde. Man nutzt die kostenlosen Trinkbrunnen, die in den Museen an jeder Ecke stehen. Geht zu Starbucks und probiert einen „Hazelnut Mocha Coconutmilk Macchiato“, weil es das einzige Item auf der Karte ist, bei dem man sich zumindest relativ sicher ist, dass es Kaffe und Milch, aber keine Eiswürfel enthält. Man testet die Breite der Klotürspalten – und stellt fest, dass man da teilweise entspannt eine Hand zu jeder Seite der Kabinentür durchschieben kann. Versteht man, warum das hier anders gemacht wird als man es kennt? Nicht immer. Macht es trotzdem Spaß, solche Eigenheiten zu finden? Auf jeden Fall.

Aber natürlich läuft der Chor nicht den ganzen Tag wirr von einer Ecke New Yorks in die andere, zeigt immer wieder auf hiesige Alltagsgegenstände und schlägt dabei kichernd die Hand vor den Mund. Jedenfalls nicht der ganze Chor, für Einzelne wird keine Haftung übernommen. Und selbst die können nichts dafür, weil es im Central Park beim abendlichen Spaziergang erstaunlich oft ziemlich stark nach Gras riecht – und es ist nicht jenes gemeint, welches dort den Boden begrünt…

Wer heute aufmerksam durch Manhattan ging, dem wird statt des beständigen Kicherns vor allem eines aufgefallen sein: Der Psycho-Chor ist überall. Man trifft Mitglieder beim Spazierengehen im Central Park, liest einen Psycho-Chor-Eintrag im Gästebuch der Trinity Church, findet einen Psycho-Chor-Schneemann der für Selfies an der East River Esplanade bereitsteht und stolpert überall im Naturkundemuseum über Sängerinnen und Sänger. Natürlich sind das alles nur Zufälle. Die Leute wollen berühmte Drehorte sehen, z.B. von Dr. Who, Das Vermächtnis der Tempelritter oder Nachts im Museum. Sie wollen die Sonne genießen. Sie wollen berühmte Kirchen sehen.

Die Trinity Church besitzt 5,6 Hektar Land in Manhattan und ist somit einer der größten Landbesitzer? Der Central Park nimmt mehr als 5 % von Manhattan ein? Das Naturkundemuseum beschäftigt über 200 Wissenschaftler, unter anderem im Bereich Astrophysik? Wie interessant. Natürlich ist es keine Absicht, dass man den Psycho-Chor gerade an Orten großer Landbesitzungen von Manhattan oder wichtiger Forschung trifft. Man kennt das ja aus Jena, da läuft man sich auch ständig über den Weg. Und ist Manhattan nicht fast wie Jena – nur mit 15 Mal so vielen Einwohnern? Ja, der Chor hat beim Besuch der UN Machtluft geschnuppert. Aber das heißt ja nicht, dass man gleich eine friedliche Übernahme der Weltherrschaft plant. Indem man ganz unauffällig Stück für Stück strategische Organisationen Manhattans okkupiert. Und sich häufig den Leuten in der Stadt zeigt, damit man ihnen durch das häufige Sehen vertrauter und damit vertrauenswürdiger erscheint. Und beginnt die Stadt mit temporären Psycho-Chor-Statuen zu überziehen. Sowas würde der Chor nie tun. Dafür ist auch gar keine Zeit. Und zudem fehlt das Geld. Wo sollte man das herbekommen? Cartier räumt ja nach Ladenschluss alles immer gleich wieder in den Safe, ohne etwas als milde Spende gut erreichbar im Schaufenster zu belassen… Nicht, dass das für den Chor relevant wäre. Niemand hat die Absicht, die Weltherrschaft zu übenehmen!

Also kehrt der Chor nach getaner Arbeit, ähm, nach Abschluss der vollkommen unschuldigen Freizeitaktivitäten zurück ins Hostel. Ab 24 Uhr herrscht Nachtruhe, für die erste Probe mit Deke Sharon möchte man ausgeruht sein. Mal schauen, ob das Stativ morgen mit rein darf. Es hat heute den ganzen Tag im YMCA verbracht, um sich von der verletzenden Ablehnung durch das Sicherheitspersonal zu erholen. Emotional ist es jetzt zumindest wieder stabil.

Wir danken unseren Sponsoren, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dem Freistaat Thüringen, dem Studierendenwerk Thüringen, XCEPTANCE, ZEISS, GW und maßalsky für ihre Unterstützung dieser Reise, die uns die Augen für all die kleinen Eigenarten öffnet, die New York bietet.

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