Chlor vs. Chor

Manchmal ist Jetlag ganz praktisch – zum Beispiel, wenn man früh aufstehen muss. Wenn man 6 Uhr quietschfiedel aus dem Bett springt, weil der Körper denkt, dass es 11 Uhr ist… Ach, das war schön. Damals. Vor 4 Tagen. Inzwischen ist der Psycho-Chor aber in der New Yorker Zeitzone angekommen, aufstehen zwischen 6 und 7 Uhr gestaltet sich also ebenso schwierig wie in Deutschland. So zieht eine nicht vollkommen wache Karawane Richtung Park Central Hotel. Die erste Probe mit Deke Sharon! Spannung und Müdigkeit liefern sich einen Kampf um die Gesichtszüge jedes einzelnen Chormitgliedes.

8.06 Uhr ist der Psycho-Chor am Probenort – mit deutscher Pünktlichkeit und studentischem Modestil, der sich geringfügig von den anderen Hotelgästen abhebt. Zum Glück teilen wir uns den Raum mit anderen Chören, die ebensowenig nach Bankvorstand aussehen. Die Probe beginnt mit einer guten Nachricht: Das Konzert am Sonntag ist bereits ausverkauft! Womit sie nicht beginnt, ist ein Einsingen. Starchöre wie die Total Vocal Teilnehmer haben so etwas auch gar nicht nötig. Dafür dürfen selbst die laut Deke Sharon aber kleine Fehler machen – das wichtigste ist, dass die Stimmung stimmt. Um das zu erreichen, muss aber noch etwas geübt werden. Die Angst vor dem nicht ganz einfachen „Deep beneath the city“ liegt in der Luft. Die Reaktionen der Sänger auf das Lied schwanken zwischen panisch-hysterischem Lachen und resigniertem Seufzen. Wer wissen möchte, ob die Angst berechtigt ist, sollte das Lied am Sonntag im Livestream auf Facebook verfolgen.

Es ist unklar, wie viele Pitch Perfect Fans unter den Teilnehmern sind – für sie hält der Dirigent aber auf jeden Fall einige Anekdoten vom Dreh bereit. Klar ist dagegen, dass es einige Meinungen zur Aussprache gibt, die der amerikanischen Aussprache des Dirigenten entgegenstehen. Nur ungern möchten sich die britischen Teilnehmer von ihrem harten „t“ trennen. Man wird sehen, wie der Kampf „ci-ty“ vs. „ci-dy“ ausgeht. Damit auch während des Umsetzens einiger Stimmgruppen keine Langeweile aufkommt, spielt der Pianist (welcher nur für die Proben dabei ist) aus seinem Repertoire aus klischeehafter Fahrstuhlmusik. Musikantenhumor.

Nach der Probe ist vor dem Konzert (in der St. Pauls Church), und so bleiben den Chormitgliedern nur wenige Stunden um sich zu erholen und noch ein bisschen Sightseeing in den straffen Terminplan zu quetschen. Besonders effektiv ist dabei eine Gruppe in der öffentlichen Bibliothek, die Erholung und Sightseeing kombiniert. Das dortige Informationsvideo hat eine angenehme Hintergrundmusik, die Sitzgelegenheiten um dieses zu sehen sind bequem… und wenn man es 3 mal durchlaufen lässt kann man dort 1 h Mittagsschlaf machen. Wer kann schon behaupten mal in einer der größten Bibliotheken der Welt geschlafen zu haben?

Um einige Erfahrungen reicher und teilweise gut erholt trifft man sich an der St. Pauls Church für das letzte Solokonzert in New York. Doch beim Bereitmachen fürs Konzert offenbart sich ein Dilemma: Es fehlen Teile der Konzertkleidung! Mehrere Leute haben ihr buntes Accessoire im Hostel vergessen, die Kreativen bzw. Ehrgeizigen auch ein Oberhemd bzw. Hose und Schuhe. Man gibt dem ständigen Konsum von stark gechlortem Leitungswasser die Schuld am kognitiven Abbau im Chor. Nicht nur, dass dieser offensichtlich vergesslicher wird, auch die räumliche Orientierung ist zunehmend schwieriger. Mehrere Chorgruppen sind heute in die falsche Richtung gefahren oder mehrfach auf der gleichen Strecke hin und her, da sie es nicht schafften aus den Express-U-Bahnen in die (öfter haltenden) lokalen U-Bahnen zu steigen. Sollte Google versuchen heutige Bewegungsprofile von Mitgliedern auszuwerten, ähnelt das Ergebnis vermutlich dem Verhalten eines kräftig geschlagenen Ping-Pong-Balles auf LSD – vollkommen wirr. Mit Ausnahme der Schläfergruppe, die ähnelt wohl eher einem festgeklebten Ping-Pong-Ball.

Auch motorische Kontrolle wird anscheinend durch den Chlorkonsum beeinflusst. Stillhalten fällt dem Großteil des Chores eher schwer, selbst wenn nur die Aufnahmezeit der Kamera etwas erhöht wird. Und das, obwohl das Stativ sich an seinem letzten offiziellen Arbeitstag so viel Mühe gibt, die Kamera stabil zu halten. Eine andere Erklärung – außer Bewegung – für die verschwommenen Bilder wäre natürlich, dass große Teile vom Chor verflucht sind. Oder verstorbene Urahnen wollten einfach mit auf die Chorreise nach New York. Wer kann es ihnen verdenken.

Aber eine Sache, die selbst das Trinken von Schwimmbadwasser dem Chor nicht nehmen kann, ist seine Fähigkeit auf etwas bestimmtes hinzuarbeiten. Nämlich auf die Weltherrsc… äh… Weltherrlichkeit. Die Herrlichkeit der Welt soll durch massives knüpfen sozialer Kontakte gestärkt werden. So trifft man, rein zufällig, Bekanntschaften aus Jena im Musical. In der UN trifft man eine Frau, die bereits dank YouTube ein Fan ist. Alles für die Weltherrlichkeit. Und morgen mittag geht es dann gleich weiter mit dem Netzwerken – bei Total Vocal Probe Nummer 2. Als Chor mit sehr großer Teilnehmerzahl müsste es ein leichtes sein, fast alle wichtigen Personen in eine Gespräch einzubinden… Alles für die Weltherrlichkeit.

Wir danken unseren Sponsoren, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dem Freistaat Thüringen, dem Studierendenwerk Thüringen, XCEPTANCE, ZEISS, GW und maßalsky für ihre Unterstützung dieser Reise.

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