Tag der Wahrheit

8.19 Uhr. Eine New Yorker U-Bahn-Station in Brooklyn. 49 dunkel gewandete Menschen stehen im Pulk und geben annährend musikalische Laute von sich. Der Psycho-Chor ist auf dem Weg zur Generalprobe und summt sich schonmal warm. Da es kein offizielles Einsingen geben wird, ist der Plan, sich am Springbrunnen vorm Lincoln Center warm zu singen. Leider ist es dort so kalt, dass man befürchtet sich diverse Körperteile abzufrieren – das sieht in der Konzertkleidung dann nicht mehr hübsch aus. Also stellt man sich näher ans Gebäude – dummerweise direkt vor einen der Eingänge. Man zieht also weiter an der Wand entlang. Nach kurzem Einsingen kommt ein Mitarbeiter und möchte einen wieder vertreiben, gewährt aber 6 min Aufschub, bis das Einsingen vorbei ist. Es zeigt sich wieder mal: Es braucht mehr Raum für Musik in den Städten – nach Möglichkeit beheizten Raum, windstill reicht aber schon.

Dafür ist es drinnen dann umso wärmer – weil eng. Die Garderobe hat einen heimeligen Garagencharme. Wie bei ausgeuferten Geburtstagsfeiern im Dorf, bei denen man in einem grauen, mäßig ausgeleuchteten Raum ständig fremden Leuten auf die Füße tritt, aber die Stimmung ist trotzdem super. Ebenso wie bei Dorfpartys brechen Splittergruppen immer wieder spontan in Gesang aus. Es klingt aber schöner als bei Dorffesten. Hoffentlich. Kurz nach 10 Uhr werden dann alle Leute für die Generalprobe in Reihen sortiert. Eine halbe Stunde später ist der Weg zur Bühne überwunden und alle stehen an ihrem Platz. Generalprobe ist kurz und knackig. Dann heißt es Frischluft und Mittagessen bis zum großen Konzert.

14 Uhr. Während Act 2 – und somit auch der Psycho-Chor – noch auf Einlass wartet, hat der Livestream begonnen. Viele gleichzeitig ins WLAN eingeloggte Handys die ihn unterschiedlich schnell wiedergeben, sorgen für einen interessanten Medley des Konzertbeginns. Dort wo Handyakkus und Powerbanks es mitmachen, wird der Livestream in der Garderobe fortgesetzt. Man stelle sich 250 Menschen in einem Raum vor, dazu diverse Handys die versuchen Gesang und Applaus wiederzugeben… nix für empfindliche Ohren. Zwischendurch ertönen immer wieder Durchsagen des Organisationsteams. Sie können einem fast leid tun. Der Job ist vermutlich wie Flöhe hüten. Laute, immer wieder in Gesang ausbrechende und ziemlich große Flöhe. Die ständig Wasser trinken und auf Toilette gehen und sich miteinander unterhalten wollen… Nach einer halben Stunde heißt es: Aufstellung annehmen! Schweren Herzens muss der Chor dafür seinen Solisten ziehen lassen – ob man ihn am Ende unbeschadet zurück bekommt? Die Wartezeit im Flur wird mit stummen Kanonsingen verbracht. Mund bewegen, mittanzen, aber keinen Ton von sich geben – letzteres wurde für die Wartezeit nämlich verboten. Nach spätestens 15 min lässt sich der natürliche Lautstärketrieb der Chöre aber nicht mehr unterdrücken. Da geht man schließlich hin um Laute von sich zu geben… So wirklich scheint es aber auch niemanden von der Orga zu stören. Nochmal Wartezeit und dann ist es so weit. Let’s sing!

Wie lässt sich ein Konzert mit so vielen Leuten beschreiben? In den USA, geleitet von Deke Sharon? Mit Party auf der Bühne. Und teils auch davor. Und danach. Ein gefühlter Wimpernschlag nur – und schon ist es vorbei. Man weiß nichtmal genau, ob die britische „ci-ty“-Fraktion standhaft blieb. Man verbeugt sich, man huscht hinaus und dann geht es auf zum eigentlichen Höherpunkt des Abends: Das Buffet! Inklusive kostenlosen Getränken – für alle unter 21 Jahren gibt es nur Saft und Limonade. Der Rest des Chores zeigt Anteilnahme – und grinst sie cosmopolitanschlürfend an. Aber Fotos mit den externen Solisten gibt es für alle, unabhängig vom Alter. Ein Teil des Chores macht davon Gebrauch – ein Teil des Chores wird dafür gebraucht. Als Fotograf von Pentatonixbass und Voiceplaybariton. Immer schön Kontakte knüpfen…

Damit es im Restaurant nicht zur Riesenparty ausartet – die meisten Chöre sind recht feierfreudig – wurde es von vornherein auf 2 Stunden begrenzt. So weit so gut, aber… der Ausschank alkoholischer Getränke wird bereits nach 1 1/2 Stunden beendet. Skandal! Die Eiswürfel im Whiskey werden ja noch hingenommen (und mit einer sauberen Gabel sorgsam herausgesammelt), aber früher Barschluss? Vive la révolution!

Da man sich allerding der friedlichen Weltherr…lichkeit verschrieben hat, wird letztendlich auf eine Revolution verzichtet. Stattdessen zieht der müde Teil des Chores Richtung Hostel – und der andere Richtung Alkoholladen. Da sich bereits der Wiederverwertung verschrieben wurde, wird davor gleiche eine alte Tequilakiste eingesammelt. Wenn möglich, kommt diese als Sitzgelegenheit mit nach Deutschland. Gut eingedeckt macht man sich auf den Weg zurück. In der U-Bahn wird – natürlich – wieder gesungen. Es kommen Beschwerden. Statt schottischer Lieder wie Parting Glass solle man doch lieber was von Elvis singen. Dieser Musikwunsch kann aus dem bisherigen Repertoire leider noch nicht bedient werden. Vielleicht sollte man in Zukunft eine Liederliste mitführen, aus der sich Mitfahrende dann was wünschen können. Inklusive Preisliste für besonders exklusive Stücke, z.B. mit Solisten. Aber vielleicht ist jetzt auch erstmal Zeit, die Stimmen etwas zu schonen. Morgen ist wieder individueller Freizeittag, keine Konzertgesang mehr nötig. Oder sie zu ölen. Morgen ist individueller Freizeittag, genug Zeit zum Ausnüchtern.

Wir danken unseren Sponsoren, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dem Freistaat Thüringen, dem Studierendenwerk Thüringen, XCEPTANCE, ZEISS, GW und maßalsky die uns durch ihre Unterstützung dieses Konzert ermöglichten.

P.S.: Das Stativ war nicht mit beim Konzert, da es gestern nicht mit auf das Rockefeller Center genommen wurde. Jetzt schmollt es und wollte nicht mit. (Um die Laune nicht noch zu verschlimmern, wurde ihm verschwiegen, dass es sowieso nicht mit ins Lincoln Center gedurft hätte…) Es wird überlegt sich von Amazon Prime Air etwas billiges mittels Drohne liefern zu lassen und die Lieferdrohne wegzufangen. Kamera dran befestigen, und schon hat das Stativ einen fliegenden Freund. Würde vielleicht die Stimmung heben. Leider wird Amazon Air bisher nur in Großbritannien getestet. Aber man wird ja noch träumen dürfen…

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