Tage wie diese: Der Aufnahmealltag eines Chores

_1001055Lang wurde es angekündigt, endlich ist es soweit: Die 2. CD des Psycho-Chores wird produziert. Viel ist seit der ersten CD-Produktion passiert: Frankreich und die USA haben den Präsidenten gewechselt – wovon wir uns durch Konzertreisen nach Amiens 2017 und New York 2018 selbst überzeugen konnten, die Bundeskanzlerin ist dieselbe geblieben – dies konnte auf der Berlinreise 2015 bestätigt werden. Der Chor gibt jetzt Kinderkonzerte – als Einstiegsdroge für spätere Chorsänger*innen – und sang in MDR und UN – kein Akronym ist uns zu kurz!

Nun also die 2. CD. (Noch ein Akronym!) Dafür wurden auf startnext eifrig Spenden eingeworben – und stolze 8 006 € sind zusammen kommen. Die Frage, die sich so manche Leser*innen nun stellen mögen: Warum so viel Aufhebens um eine simple CD? Das Semesterprogramm ist schließlich in 1 – 2 h durchgesungen, und der Laptop brennt das Ding dann in ein paar Minuten. Das kostet pro CD nur ein paar Cent! Nun für Sie, liebe Sparfüchse – und natürlich auch alle Interessierten – tauchen wir nun ein, in den Aufnahmealltag eines Chores… (Dinge für die das Chorbudget an dieser Stelle nicht reicht und die deshalb die Fantasie animieren muss: halluzinoides Farbenflackern, akustisches Glitzern, Wurmlochanimationen, Flashbackfilter)

 

Wir befinden uns in Jena, irgendwann vor 9 Uhr morgens, Temperaturen unter 0 °C sorgen teilweise für Zähneklappern. Fahle Wintersonne versucht vergeblich den Asphalt zu erwärmen. Aus allen Himmelsrichtungen strömen summend schnaufende Menschen herbei. Warum sie summen? Für ein Produktionswochenende gelten Regeln – unter anderem Stimme erwärmen durch summen. Warum sie schnaufen? Natürlich, weil dies eine besondere Atemtechnik ist, die… okay, seien wir ehrlich: Es ist vor 9 Uhr, Kaffee ist am Aufnahmetag verboten (es gelten Regeln…) der Kreislauf ist noch nicht ganz wach und man muss auf einen dieser verflixten Jenaer Berge steigen, um hierher zu kommen. Nicht jeder kann zu diesen bizarren Menschen gehören, die morgens durch Jenas Berglandschaft joggen und dabei aussehen, als wäre schwitzen für sie ein Fremdwort! (Natürlich gibt es auch viele Nichtschnaufer*innen – die sind mit Bus gekommen.)

Jedenfalls trudeln nach und nach Chormitglieder ein, die sich nun ganz entspannt von ihrem Herweg erholen können… Das mit der Erholung ist natürlich ein Scherz. Erstmal heißt es Podeste schleppen. Für solch eine Aufnahme ist es nämlich praktisch, wenn alle den Chorleiter sehen können – also verhelfen Podeste zu so einer hübschen Amphitheateratmosphäre (und in den Pausen kann man darunter ungestört die Liegedecken ausbreiten). Leider sind die Podeste im Erdgeschoss, die Aufnahme ist jedoch ganz oben… aber das lässt sich ganz fix ändern. Einfach jeder ein Podest geschnappt… uff, ganz schön schwer… also, einfach zu zweit ein Podest geschnappt… uh, die Tür sieht ganz schön eng aus… also, einfach zu zweit ein Podest geschnappt, die abgeschraubten Beine Person 3 in die Hand gedrückt und das Podest hochkant durch die Tür laviert… äh, der Fahrstuhl ist nicht sooo groß… also, einfach zu zweit ein Podest geschnappt, die abgeschraubten Beine Person 3 in die Hand gedrückt, das Podest hochkant durch die Tür laviert und vorsichtig diagonal in den Fahrstuhl gepuzzelt, aufpassen, dass man in dem engen Ding nicht aus Versehen mit dem Hintern Knöpfe drückt (würde uns niiie passieren…), im gefühlten Schneckentempo bis ganz nach oben fahren, einmal über die bitterkalte Dachterrasse, rein in den Probenraum, das ganze circa 10 Mal wiederholen, fertig. Geht doch ganz fix. Ach ja, zusammengeschraubt werden müssen die Dinger ja auch noch…

Nun gut, zumindest kann niemand behaupten, dass der Chor zum Einsingen nicht gut erwärmt wäre. Wer Glück hat, hat es sogar noch vorher zum Händewaschen geschafft. Wer Pech hat, versucht unauffällig die Hände aneinander zu reiben. Das erzeugt nämlich nicht nur Wärme, wie man im Physikunterricht gelernt hat, sondern auch viele schwarze Krümel, wie die Praxis zeigt – zumindest bei allen, die die Podeste angefasst haben.

Der erste Aufnahmetag ist zum Großteil ein Probentag. Ein Glück, wie sich herausstellt. Warum? Weil es dem Chor die Möglichkeit gibt, die Grenzen des Raumes auszutesten. Was für Grenzen das sein mögen? Nun, formulieren wir es so: Der Chor hat aktuell etwas mehr als 60 Mitglieder. Erlaubte Getränke (Es gelten Regeln!) sind an diesem Wochenende Wasser und Tee. In 15 min Pause genug Wasser für 60 Tassen Tee zu kochen erfordert entsprechend viele Wasserkocher. Wasserkocher sind Stromfresser. Maximal 2 Wasserkocher pro Steckdose wurde angesagt. Maximal 2 Wasserkocher pro Raum war die Gegenmeinung des Gebäudes… Physikinteressierte dürfen nun raten, was passiert ist? Richtig, die Sicherung verabschiedet sich – und schmollt in ihrem abgeschlossenen Kämmerlein vor sich hin. Die Betonung liegt hier auf abgeschlossen. Natürlich gibt es in der Verwaltung einen Schlüssel. Ebenso natürlich ist die Verwaltung am Wochenende nicht besetzt…

Nun ja, Strom wird eh überbewertet. Wozu braucht der Chor schon unbedingt Strom? Außer um die Teesucht zu befriedigen. Und die 15 l Pötte mit Suppe fürs Mittag zu erwärmen. Und das Keyboard zu bedienen. Und um abends das Licht einzuschalten. Also, wozu – außer für Tee, Suppe, Keyboard und Licht – braucht der Chor schon unbedingt eine Stromversorgung? (Die dank des unermüdlichen Einsatzes einiger Chormitglieder und ihrer Telefone im Laufe des Nachmittags wiederhergestellt werden konnte.) Nun, für den Teil, der nach der Probe kommt – die *Trommelwirbel* Aufnahme!

Eine grobe Schätzung am ersten Aufnahmenachmittag/-abend ergibt: 1 Anzeigelampe, 1 Kamera, 2 Boxen, 10 Mikrofone, ca. 10 000 km Kabel und Klebeband. Das alles und noch viel meeehr, würd ich machen, wenn ich Kö… ah, spontane Liedausbrüche sind leider Chorkrankheit, Entschuldigung. Jedenfalls: Das alles und noch viel mehr, brauchte es für die Aufnahme. Unter „viel mehr“ fällt auch der absolute Chef der Aufnahmezeit – das ist nämlich ausnahmsweise nicht Chorleiter Max, so schwer ihm das auch fallen mag. Stattdessen ist es Tonmeister Ian, bei dem sämtliche Aufnahmen zusammenlaufen und der den Ton (hehehe) angibt. Das Podest knarzt, die Atempausen waren zu lang, jemand musste husten, jemand hat sich versungen (natürlich nur rein hypothetisch), die Tonhöhe sackt ab, der Rhythmus stimmt nicht ganz überein, netterweise feiert 2 Stockwerke drunter ein kreischender Kindergeburtstag… Alles Gründe, um eine Stelle nochmal zu wiederholen. Und nochmal, und nochmal, und nochmal, und… Sie werden sich denken können, wie es weitergeht. Für Konzerte dauert das Programm 1 – 2 h. Für die Aufnahme eines Liedes braucht es, im Schnitt, 2 Stunden. 1 Lied wohlgemerkt, nicht 1 CD. Erklärt natürlich die Aufnahmedauer – und damit die hohen Kosten für Miete und Tonmeister.

Und so geht es voran, Lied für Lied. Angesetzt sind die 2 Wochenenden jeweils 9.15 Uhr – 22 Uhr (inklusive Pause), chorfreie Zeit wird sowieso vollkommen überbewertet. Wenn man so den ganzen Tag auf einem Podest steht, bleibt natürlich auch immer mal wieder Zeit zum Sinnieren, während in einer anderen Stimme eine Vokalfärbung korrigiert wird. Es sind die drängenden Fragen des Lebens: Wie viel Reiswaffeln mit Schokoüberzug entsprechen eigentlich dem gestatteten Stück Pausenschokolade (Es gelten Regeln!)? Und wenn man an den Aufnahmewochenenden nicht zu salzig und nicht zu fettig essen soll (Es gelten Regeln.) – ist dann gesalzene Butter überhaupt erlaubt? Und warum ist Kaffee verboten (Es gelten Regeln…), aber Schwarztee nicht?

Aber natürlich drehen sich die Gedanken nicht nur ums Essen, sondern auch um andere wichtige Bereiche: Wenn jemand vom Podest fällt und sich verletzt – zahlt dann irgendeine Unfallversicherung? Und wenn das Podest zusammenbricht? Zahlt dann der Hersteller, der Vermieter oder ist der Chor selbst schuld, weil selbst aufgebaut wurde? Kann man sich beim Fall von einem hüfthohen Podest das Genick brechen? Und wenn die notfallmedizinische Versorgung am Unfallort dann länger dauert und während dieser Zeit natürlich nicht aufgenommen werden kann und man die Produktion um Stunden zurückwirft… Ein Gedankengang, der nur im Entsetzen enden kann.

Wenn wir schonmal im medizinischen Milieu sind: Was tut vom langen Stehen eigentlich am meisten weh? Füße, Knie, unterer Rücken, oberer Rücken oder die in den Kopf ausstrahlenden Nackenschmerzen? Fragen über Fragen. Egal, Chormitglieder kennen keinen Schmerz – und fallen auch nicht von Podesten. Jedenfalls nicht so, dass medizinische Versorgung nötig ist…

Und wenn dann wieder ein Lied im Kasten ist, dann fallen wir uns weinend in die Arme und schluchzen unser Glück in die Welt hinaus… na gut, es bleibt ehrlich gesagt beim normalen Jubeln und Klatschen. Weinen und Schluchzen ist bestimmt stimmschädlich (dafür gelten aber ausnahmsweise keine Regeln…). Und schließlich gibt es die Pausen zur Erholung. Für Yoga, Nickerchen, chorinternes Knuddeln. Böse Zungen behaupten, dass gewissen Fotos wirken wie Aufnahmen von den Überlebenden einer Katastrophe, die sich gegenseitig Kraft geben müssen – ob Koffeinentzug (Es gelten Regeln!) für einen Teil der Chormitglieder bereits Katastrophenniveau hat? Die Gelegenheit diesbezüglich eine empirische Studie durchzuführen, in der die persönliche Katastropheneinschätzung über die Aufnahmetage hinweg erhoben wird, wurde leider versäumt. Ebenso wie eine Studie zum Glücksgefühl, wenn wieder eine schwierige Stelle, ein Lied, ein Aufnahmetag geschafft ist. Wenn die Akkorde Gänsehaut hervorrufen und Texte Lächeln zaubern.

Und irgendwann ist es so weit. Ein letztes Lied, ein letzter Take. Ein letzter Takt, eine letzte Note, eine letztes Mal erlischt das rote Licht der Aufnahmelampe. Es ist geschafft.

Noch nicht für alle. Chorleiter und Solisten werden noch Stunden mit dem Overdubbing verbringen. Die Aufnahmen selbst müssen gesichtet werden, geschnitten, überlagert, einander angepasst, das Booklet gedruckt, … bis die CD frisch gepresst in unseren und euren Händen liegt, wird noch einige Zeit vergehen.

Aber für den Chor heißt es jetzt erstmal erholen. Es waren 2 anstrengende Wochenenden. Es waren 2 produktive Wochenenden. Und nach nur einem Wochenende Pause wird es weitergehen. Live. Damit wir nicht nur an Verkaufszahlen ablesen können, ob Leuten unsere Musik gefällt. Damit wir mehr sehen als nur einen Daumen hoch oder runter auf YouTube. Damit wir direkt spüren können, wie Musik andere Menschen bewegt, andere Menschen erfreut, andere Menschen anrührt. Damit wir gemeinsam mit Kindern im Melanchthonhaus über den Eiszapfen grinsen, mit Kirchgängern in Greiz im Falter schwelgen und mit Volkshausbesucher*innen in Jena angesichts der Hymn of Acxiom erschaudern können. Damit wir alle gemeinsam Musik genießen können.

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